Der Forschungsverbund Leiser Verkehr  

Infoblatt Leiser Verkehr

Eine gemeinsame Initiative zur Reduktion des Lärms von Straßen-, Schienen- und Luftverkehr

Mobilität ist für eine zukunftsorientierte Gesellschaft unverzichtbar und spielt in der Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft eine zentrale Rolle. Mit seiner arbeitsteiligen, auf Vernetzung und weltweiten Handel ausgerichteten Wirtschaft im Zentrum Europas ist Deutschland besonders betroffen. Die Realisierung der wachsenden Mobilitätsbedürfnisse äußert sich in einem ständig dichter werdenden Verkehr. Hier gilt es, durch intelligente Lösungen Verkehrsaufkommen und Transportleistung voneinander zu entkoppeln. Durch weitere Effizienzsteigerung von Fahrzeugen, Infrastruktur und Logistik kann es gelingen, dass auch in Zukunft die Verkehrsentwicklung hinter dem Wirtschaftswachstum zurückbleibt. Eine Zunahme findet dennoch statt.

Verkehr ist unvermeidbar mit Lärm verbunden, auf den die Bevölkerung mit zunehmender Sensibilität und abnehmender Toleranz reagiert. Dabei sind die Störung des Wohlbefindens und die Furcht vor gesundheitlichen Schäden die wichtigsten Motive. Denn Lärm beeinträchtigt die auditive Kommunikation, jede Form der Erholung, insbesondere den Schlaf, und andere physiologische Prozesse mit der Konsequenz, dass Unfallrisiken steigen, Leistung, Produktivität und Lebensqualität des Menschen sinken und seine Gesundheit leidet. In den letzten Jahrzehnten sind zwar große technische Fortschritte in der Entwicklung von Fahrzeugen und Infrastruktureinrichtungen erreicht worden, die zu einer erheblichen Reduktion der Lärmemission der einzelnen Fahrzeuge geführt haben. Die Lärmpegel von Verkehrsflugzeugen konnten seit 1965 um etwa 25 dB (A) gesenkt werden, was mehr als einer Viertelung des subjektiven Lautstärkeempfindens entspricht; für schwere LKW wurden die Geräuschemissions-Grenzwerte seit 1970 von 92 auf 80 dB (A) und für PKW von 84 auf 74 dB (A) gesenkt und im Schienenverkehr wurde bei Güterzügen durch das Zusammenwirken verschiedener Maßnahmen eine Reduktion des Rollgeräusches im experimentellen Betrieb von 20 dB (A) erzielt. Angesichts des wachsenden Verkehrs reicht dies nicht; es sind vielmehr weiterhin große Anstrengungen erforderlich, die spezifischen Lärmemissionen zu reduzieren, damit Mobilität und Verkehr nicht eingeschränkt werden müssen.

Vor diesem Hintergrund hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt / DLR mit zahlreichen Partnern aus Industrie, Verbänden, Behörden und Forschung die Initiative zu einem nationalen Forschungsverbund Leiser Verkehr ergriffen und diesen im März 1999 als ein offenes Netzwerk gegründet. Anliegen des Verbundes ist es, den Verkehrslärm als „öffentliches” Problem ganzheitlich anzugehen. Er dokumentiert darüber hinaus die Verantwortung und Entschlossenheit der Fachleute, die erforderlichen bzw. die technisch und operationell möglichen Lösungen zu erarbeiten und zu verwirklichen. Straßen-, Schienen- und Luftverkehr handeln miteinander. Eine gemeinsame Klammer bildet die Wirkungsforschung, die den kurz- bis langfristigen Folgen von Lärmwirkungen nachgeht. Der Forschungsverbund schafft ein Netzwerk, das der Vertrauensbildung, der verbesserten Kommunikation und der intensiveren Zusammenarbeit zwischen den aus sehr unterschiedlichen Branchen stammenden Partnern dient und damit zur Verbesserung der wissenschaftlichen Grundlagen einer erfolg­reichen Lärmbekämpfung beiträgt. Effizienz und Qualität der Tätigkeit sollen durch die im Bild dargestellte fachliche Struktur von fünf Programmbereichen gewährleistet werden.

 

 

In kritischer Wertung des Status und der laufenden Forschungs- und Entwicklungs-Programme wurden fünf disziplin- und branchenorientierte Schwerpunkte beim aktuellen Forschungs- und Technologiebedarf herausgearbeitet:

Der Bereich Gemeinsame Verfahren und Methoden beinhaltet Querschnittsaufgaben zum Thema "Verkehrslärm: Quellen, Ausbreitung, Prognosen". Im Wesentlichen werden übergreifende Fragestellungen mit deutlichen Synergieeffekten bearbeitet. Neben der Schaffung einer gemeinsamen Datenbasis konzentrieren sich die Aufgaben vorrangig auf Methoden der Schallquellenidentifikation, auf akustische Simulations- und Prognoseverfahren.

Die Lärmwirkung strebt wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse an, um die Kritikalität von Lärmereignissen zu bewerten, den Verkehrslärm ausgehend vom Wirkungspotential zielgerichtet zu reduzieren und die Nützlichkeit technologischer und operationeller Lärmminderungsmaßnahmen zu evaluieren.

Der Bereich Leiser Straßenverkehr greift die im Straßenverkehr dominante Lärmquelle an der Kontaktstelle von Rad und Fahrbahnbelag auf. Aufbauend auf der Untersuchung der physikalischen Phänomene und der Modellierung der Lärmentstehung überwiegend bei Pkw-Reifen auf verschiedenen Belägen werden Lösungsansätze für eine Reduzierung die Reifen-Fahrbahngeräusche entwickelt. Dazu gehört auch die Lärmminderung an Fahrbahnübergängen.

Leise Züge und Trassen widmet sich vornehmlich Rollgeräuschen, weil hier besonders hohes Reduktionspotential vorhanden ist. Die Einzelvorhaben in diesem Bereich zielen sehr stark auf kurzfristig wirkende, technische und operationelle Maßnahmen, aber auch auf die Erweiterung des Hintergrundwissens für die lärmarme Konstruktion der nächsten Schienenfahrzeuggeneration ab. Das insgesamt vorhandene Potential von 25 bis 30 dB(A) soll in deutlichen Schritten erschlossen werden.

Der Bereich LeisesVerkehrsflugzeug befasst sich zum einem mit lärmoptimierten An- und Abflugverfahren, zum anderen mit Maßnahmen zur Lärmminderung an der Quelle. Im Vordergrund stehen hier weitere Fortschritte bei der Hauptlärmquelle Triebwerk. Strahl- und Turbomaschinenlärm sollen durch technologische Eingriffe am Entstehungsort und durch aktive Maßnahmen weiter reduziert werden. Dadurch treten beim Landeanflug Quellen des Umströmungslärms (Klappen, Fahrwerk) in Erscheinung, denen ebenfalls Aufmerksamkeit geschenkt wird. Mittelfristig werden 6 dB(A) Lärmminderung angestrebt.

Parallel hierzu müssen zusätzliche Minderungsmöglichkeiten durch operationelle Maßnahmen gesucht werden. Minderungspotentiale liegen darüber hinaus in Strategien der Stadtplanung und der Betriebsführung, z.B. Siedlungsplanung, Verkehrslenkung, -beein­flussung, -vermeidung und -beruhigung.

Durchführung

Eine Summe von Einzelaufgaben bildet die fachliche Substanz des Netzwerkes. Dabei sollen alle Forschungsaufgaben - unabhängig von ihrer Förderung - zur Teilnahme offen stehen, soweit es die Wettbewerbssituation erlaubt.

Mit thematisch orientierten Foren und Workshops sollen ein freier Informations- und Meinungsaustausch gefördert und so verkehrsträgerübergreifende Synergien initiiert werden. In Statusseminaren soll der Stand des Wissens themenübergreifend präsentiert und die Diskussion über zukünftige Entwicklungen angeregt werden. Inhalt und Zeitablauf orientieren sich dabei an den zuvor beschriebenen Projektphasen.

Gemäß der Aufgabenstruktur des Netzwerkes wurden Arbeitskreise eingerichtet, die den wissenschaftlich-technologischen Stand laufend analysieren, neue Forschungsthemen erörtern und Forschungsprojekte anregen, die dann im Konsens von den Partnern beantragt werden. Dadurch wird eine gemeinsame Zielorientierung erreicht und sichergestellt, dass die Ergebnisse allen Netzwerkpartnern wieder zur Verfügung stehen. Einem von den Partnern gebildeten Lenkungsgremium obliegt die fachliche Kontrolle. Bis heute haben etwa 70 Partner aus Industrie, Forschung und Behörden ihre Mitwirkung im Netzwerk erklärt.

Förderung: Die Arbeiten im Forschungsverbund Leiser Verkehr, die sich mit der Lärmminderung im Straßen- und Schienenverkehr, übergreifenden Querschnittsaufgaben und der Lärmwirkung auf den Menschen befassen, wurden bis Ende 2005 vom BMBF gefördert, die Minderung von Antriebslärm und aerodynamischen Lärm des Luftverkehrs vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie - BMWi. Seit 2006 werden alle Verbundaktivitäten vom BMWi gefördert. Die vertragliche Gestaltung und Abwicklung liegt in der Zuständigkeit der Projekträger PT-MVBW (TÜV-Rheinland) und PT-LF (DLR).

Zur Koordination und organisatorischen Unterstützung auf der fachlichen Seite wurde am DLR die Geschäftsstelle Leiser Verkehr eingerichtet.